Kurzer Abriss einer langen Geschichte
Wie wir uns entwickelt haben.
Von den Ursprüngen
Trotz verschiedenster Bemühungen konnte bis heute nicht geklärt werden, welche Personen und welche Umstände den Anstoß zur Gründung der Nibelungia gaben, bestanden doch schon seit dem Ende des ersten und dem Beginn des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts an der Realschule, die im Jahr 1903 gegründet worden war, zwei pennale Burschenschaften. Dass an der Schule Platz für zwei Burschenschaften war, zeigt die stark deutsch-nationale Einstellung des Bürgertums, obwohl wegen der Eisenbahnwerkstätte eine große sozialdemokratisch orientierte Gruppe existierte.
An katholischen Vereinen bestanden ein Katholischer Arbeiterverein, der ein eigenes Haus unterhielt (das heutige Kolpingheim ist sein Nachfolger) und eine Marianische Kongregation „Stella Maris“, welche auch an der Realschule aktiv war. Als ihr Gründer und Leiter ist der Religionsprofessor Dr. Rupert Wilhelm (verstorben 1964) bekannt, der auch an der Gründung der Nibelungia im Jahre 1920 beteiligt war.
Fest steht, dass Nibelungia aus dieser Kongregation hervorgegangen ist. Dr. Wilhelm hatte ein Herz für die Jugend, er war eine Führungspersönlichkeit und imstande, der Jugend in den hoffnungslosen Jahren nach dem Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie eine Orientierungshilfe zu geben. Der Verbindungsname wurde gewählt, weil zu dieser Zeit das Nibelungenlied besonders beliebt war.
Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Knittelfeld - Geistliche, Ärzte, Politiker und Beamte waren an der Gründung unserer Verbindung beteiligt; die meisten haben ihr trotz Verfolgung in der NS – Zeit und auch noch nach dem II. Weltkrieg die Treue gehalten.
Nibelungia im VPV
Am 24. 11. 1920 suchte Nibelungia um Aufnahme in den VPV (Vereinte Pennäler Verbindungen) an, mit dem bereits Kontakte bestanden. Dem Ansuchen wurde im August 1921 entsprochen und Nibelungia wurde als 43. Verbindung provisorisch aufgenommen. Im Sommersemester 1922 ersuchte Nibelungia erfolgreich um Aufnahme als vollberechtigte Verbindung in den VPV.
Das Verbindungsleben in den Zwanzigerjahren
Der Löwenanteil der Zeit war der Adaptierung des Verbindungsheimes („Bude“) und der Vertiefung des Couleurverständnisses gewidmet. Nach den Fuchsenconventen, die der Ausbildung dienten, ging es in den großen Festsaal des Arbeiterheimes zum rein sportlichen „Pauken“ (Säbelfechten). Mensuren, die dem katholischen Charakter der Verbindung widersprochen hätten, wurden nicht ausgefochten.
Unter den Nibelungen befanden sich aber auch Amateurschauspieler, die bei Theateraufführungen des kath. Arbeitervereines mitwirkten. Die „Nibelungia“ selbst brachte ein modernes Stück auf die Bühne. Schon der Titel war höchst anrüchig: „Der Sprung in die Ehe“! Abt Dr. Benedikt Reetz aus Seckau brachte mit seinem Auszug aus dem Theatersaal sein Missfallen zum Ausdruck; mit ihm ging der ganze Stadtklerus. Die Premiere brachte ein volles Haus, es blieb aber bei dieser Erstaufführung und war Stadtgespräch.
Seit ihrer Gründung pflog „Nibelungia“ stets gute Kontakte zu den Verbindungen in der Steiermark und in Kärnten
Leider verlor unsere Verbindung durch die Versetzung ihres Seelsorgers Dr. Wilhelm nicht nur an der Schule ihre starke Stütze, auch waren die turbulenten Dreißiger Jahre dem Verbindungsleben nicht förderlich. Obwohl darüber keine Aufzeichnungen erhalten sind, ist anzunehmen, dass sich die Burschen verlaufen haben; einige gingen nach Graz, andere zum Militär. Falls noch etwas Leben in der „Nibelungia“ gloste, wurde es durch den „Anschluss“ im Jahre 1938 vollends ausgelöscht. Zuhause verborgen ruhten jedoch Band und Mütze und die Erinnerungsfotos. Da die Verbindungsmitglieder alle im wehrpflichtigen Alter waren, wurden sie zu Kriegsbeginn zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Ab und zu trafen sich Bundesbrüder im Fronturlaub. Das Band der Lebensfreundschaft hielt aber die überlebenden Bundesbrüder zusammen.
Der Anfang vom vorläufigen Ende
Wenn auch kein Beleg dafür auffindbar ist, so dürfte „Nibelungia“ doch 1929/30 aus dem verfallenden VPV ausgetreten sein; um 1930 begann die allmähliche Auflösung. Zwar ist die Verbindung noch im Verzeichnis der Katholisch - deutschen Pennalverbindungen Österreichs (Ostmark - Verzeichnis) vom September 1932 zu finden mit der Anschrift „Knittelfeld, Stift“, jedoch dürfte „Nibelungia“ die Kraft für den Beitritt zu dem 1933 gegründeten VMK, dem Vorläufer des späteren MKV, gefehlt haben. Auch ihr hatte letztendlich der Nationalsozialismus zu sehr zugesetzt und das Wasser abgegraben.
Der "Anschluss" 1938 und seine Folgen
Nach dem Umbruch 1938 hatten zahlreiche Nibelungen unter der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu leiden. Ob und welche Nibelungen der NSDAP beigetreten sind oder hineingepresst wurden, ist nur so eingeschränkt bekannt, dass eine Aussage darüber wegen der unzureichenden Informationen nicht annähernd vollständig oder fair ausfallen könnte. Auch über die Frage, ob Nibelungen im 2. Weltkrieg gefallen sind, herrscht nicht eindeutig Klarheit.
Nach 1945
Im Jahre 1945 erstand Österreich wieder, doch es sollte noch fast 10 Jahre bis zur Reaktivierung der Nibelungia dauern. Gegen Ende der Besatzungszeit (unser Gebiet gehörte zur britischen Zone) erfolgte die Wiedergründung unter tatkräftiger Mithilfe von Schülern des (nunmehrigen BRG und BG) Leoben, die bereits dort korporiert waren. Den einzigen Rückhalt für lange Zeit fand man in der Person des späteren Direktors HR Dr. Emil Worsch.
Als Bude fungierte ein Zimmer im Kath. Arbeiterheim. Das Verhältnis zu Kolping war anfangs gut; leider gab es später um 1961/62 Schwierigkeiten, die endgültig zum Verlust der Bude führten.
Da aber die Verbindung bei den PP. Kapuzinern in einem Nebengebäude eine Bude bekam, florierte die „Nibelungia“ bald, gab es doch dort ein ungestörtes Sein, sodass sich ein reges Studentenleben entwickeln konnte.
Es dauerte jedoch nicht lange, dann wurde das gesamte Areal der Kapuziner verkauft - es steht jetzt dort das Raiffeisenbank Gebäude - das Kloster samt Nebengebäuden wurde abgerissen und Nibelungia stand wieder einmal ohne Bude da. Aufgrund des Entgegenkommens des damaligen Stadtpfarrers konnten wenigstens Convente im Pfarrheim in der Kirchengasse abgehalten werden. Zwei Jahre lang war erfolglos nach einem neuen Verbindungsheim gesucht worden, da gelang es im Jahr 1978 nach schwierigen Verhandlungen, die Zustimmung für die Benutzung eines Raumes im Untergeschoß des neu errichteten Klostergebäudes im ehemaligen Kapuzinergarten zu erlangen.
Trotz dieser Widrigkeiten war Nibelungia im Inneren wie im Äußeren aktiv und stellte hohe Landesverbands – Funktionäre. Unter nachhaltiger Mitwirkung von Nibelungen wurde auch die in Seckau ansässige Tochterverbindung „Gothia“ gegründet.
Nachdem das Haus von polnischen Kapuzinerpatres übernommen worden war, traten zunehmend Unzukömmlichkeiten auf, die dazu führten, dass „Nibelungia“ sich nach einer anderen Bleibe umzusehen begann. Im Jahr 1996 konnte schließlich das neue Verbindungsheim im Hause Gaalerstraße Nr. 3 eingerichtet werden.
Nach umfangreichen Adaptierungsarbeiten stehen nun ansprechende Räumlichkeiten für ein reges und vielseitiges Verbindungsleben zur Verfügung, in dessen Verlauf unsere Traditionen ebenso gepflegt werden können, wie den Ansprüchen junger Leute entgegen gekommen werden kann.
Große „runde“ Feste hat „Nibelungia“ seither in ihrem neuen Heim feiern können – das 70. und 80. Jahr ihrer Gründung; zahlreiche kleinere Feste, Parties, Lesungen, Vorträge und Convente zeugen davon, dass die Verbindung sich im Geiste ihrer Gründer verantwortungsbewusst erneuert hat und das Dauerhafte ihrer Gesinnung - in manchmal gewandelter Form - bekundet in der Gewissheit, dass Tradition nur für den Schwachen eine Bürde ist.
Ab Jahr 2000
Folgt.